Ein Leserinnenkommentar


zu: Urmila Goel, Jose Punnamparambil und Nisa Punnamparambil-Wolf (Hrsg.):InderKinder. Über das Aufwachsen und Leben in Deutschland, Heidelberg: Draupadi Verlag, 2012.

Liebe Urmila,

habe gerade Ihren Band InderKinder mit großem Interesse und Berührung gelesen, nicht zuletzt, weil ich selbst Mutter eines - ja,was?- bin: Ich selbst bin Deutsche, mein Mann Tamile. Aber unsere Kinder sind nicht InderKinder: eins geboren in Heidelberg, eins in Singapore. Wir haben in London, Malaysia, Singapore, Indien und Sri Lanka gelebt. Die Familie meines Mannes stammt ursprünglich aus Jaffna, ist dann ausgewandert nach Malaysia, wo er geboren und aufgewachsen ist. Studiert hat er in Indien (Chennai), wo wir uns während meiner Forschung kennengelernt haben. Inzwischen hat er die deutsche Staatsangehörigkeit. Also noch einmal: was ist meine Tochter? Natürlich Deutsche, denn die malaysische Staatsangehörigkeit ist mit ihrem 18. Geburtstag verfallen.

Mir fällt auf, daß für uns als Eltern eine Selbstdefinition leichter ist als vermutlich für die Kinder: ich bin Deutsche, mein Mann Tamile. So empfinden wir uns, vor allen geographischen, nationalen (und kulturellen?) Zuschreibungen. Aber: diese Identität wurde für mich in Frage gestellt, als ich bei der Beantragung der deutschen Staatsangehörigkeit für meinen Mann nachweisen mußte - trotz deutscher Geburtsurkunde und deutschem Paß! - daß ich über drei bis vier Generationen Deutsche war!

Soviel zu meinen Erfahrungen. Jetzt einige Kommentare und Fragen zu Ihrem Buch:

  1. Sie problematisieren zwar den Begriff InderKinder, beschränken sich aber trotzdem auf (ich sage das jetzt mal etwas platt) Nachkommen von Indern der zweiten Generation. Also Angehörige der Indischen Union. Warum nicht, da Identitätszuschreibungen doch ohnehin so fragwürdig sind, einfach 'Südasiaten' sagen? Zugegebenermaßen auch ein sperriger Begriff, aber zumindest umfassend geographisch.
  2. Ich selbst habe lange und in unterschiedlichen Kontexten zu 'Nationalbewußtsein', 'ethnischen' Minderheiten, internen Konflikten usw. in Südindien, Sri Lanka und Südostasien gearbeitet. Die im Buch angesprochenen Probleme und Fragen kann ich daher einerseits nachvollziehen, andererseits ist sehr deutlich, daß die Zusammenhänge und damit auch die Positionierungen andere sind. Das Problem des 'Anderen' und des 'Anders-Gemacht-Werdens' ist ja in Indien und auch in Südostasien (Malaysia, Myanmar, Indonesien) nicht unbekannt. Bauman's Beschreibung der Ambivalenz und des 'Anderen', der nicht mehr Gast oder Feind, auf jeden Fall transient ist, sondern Feind und Gast zugleich und dableibt, gilt ja für diese Länder wie für Europa (ich bereite gerade ein Projekt darüber vor: Einheitsbegriffe und Nation-Building und die damit einhergehende Ausgrenzung bestimmter Gruppen). Auch und gerade in Indien wird ja auch eine Assimilation der Minderheiten verlangt, die nie möglich ist: je mehr sie gelingt, desto mehr wird sie zurückgewiesen. Arjun Appadorai hat das ja sehr schön in seiner 'Fear of Small Numbers' ausgedrückt: Je mehr sich die Minderheit anpaßt, desto mehr wird sie als 'Betrüger' wahrgenommen. Das führt in Indien, Malaysia (vielleicht auch hier?) zu einer Entwicklung, die ich die Besetzung des öffentlichen Raums durch den privaten nenne: was früher als privat galt - bestimmte Kleidung, religiöse Verhaltensweisen, Auftreten usw. - wird in den öffentlichen Raum gebracht, um damit Zugehörigkeit und Identität jeder Art zu demonstrieren. Was natürlich, s. Bauman, die Probleme nur verschärft.
  3. Gibt es eine Lösung? Rohit Jains Forderung, andere 'Sprache' zuzulassen, klingt erstmal bestechend, aber wie definiert sich 'Sprache'? Wenn sie minimales Verständigungsmittel sein soll, kann sie nicht unbegrenzt variieren, man braucht eine minimale Verständigungsbasis (pace Habermas). Andererseits sehe ich die Probleme, die mit der Wahl von Sprache behaftet sind, in Indien und Malaysia ganz deutlich. Sprache ist ja nie nur das, ein Verständigungsmittel (auch wenn der tamilische Reformer Periyar Ramacami Naicker das behauptete und landesweite Einführung von Englisch plädierte), sondern weist immer über sich selbst hinaus und bezeichnet ganz andere Dinge. Nicht zuletzt gab und gibt es ja vordergründig um Sprache in Tamilnadu, Sri Lanka und Malaysia wütende und oft blutige Kontroversen.
  4. Eine Lösung scheint mir zu sein, die 'Hybridität' und das Leben im Margin im Sinne Homi Bhabhas und anderer anzunehmen und auszuagieren, denn hybrid und marginal sind wir ja alle. (Insofern finde ich auf 'hyphenated identities' ziemlich tautologisch, auch und gerade in Deutschland, das ja immer, d.h. jahrtausendelang, Einwanderungsland war). Das scheint ja auch, wenn auch mit pessimistischerer Zielrichtung, Baumans Idee zu sein.
  5. Zum Rassismus: da gibt es ja sehr unterschiedliche Definitionen, aber ich stimme Nivedita zu, die den Begriff immer mit Herrschaft und Dominanz verbindet. Dann gibt es ihn aber nicht nur im 'Westen', sondern auch und gerade in Indien und Südostasien: wie häufig habe ich von Nordindern gehört, daß die Südinder 'dunkel und häßlich' sind, was mich immer furchtbar aufgebracht hat. In Malaysia gelten Inder als dunkel, häßlich und niedrigkastig, weswegen die Ceylonesen (ja, so nennen sie sich) eben in ihrem Paß nicht als 'varna' (race) Inder, sondern als 'Other' bezeichnet werden wollen. In Myanmar gibt es ein burmesisches Wort für Inder, das 'schwarze Fremde' übersetzt werden könnte. In malaysischen Zeitungen gab es einmal eine Diskussion über die Obsession mit 'fair and lovely', ob das denn rassistisch sei. Die Antwort: rassistisch sei es im Westen, in Malaysia bezeichne es soziale Kategorien! ???
  6. Ein junger Student aus Sri Lanka, der Sohn von Kollegen, hat in seiner Dissertation das Problem der Ambivalenz ganz anders und positiv diskutiert. Er nahm zum Ausgangspunkt die Vertreibung von Tamilen aus Colombo 2007, weil sie laut Polizei keine Wohnberechtigung in der Stadt hätten. Das führte mitten in einem blutigen Bürgerkrieg zu einem Aufschrei der Sinhalesen in der Stadt, die dagegen heftig protestierten, was viele Beobachter erstaunte. Siddhartan fand das ganz normal: in einem urbanen Raum, so argumentiert er, sei Ambivalenz nötig und erwünscht. Man wolle nicht wissen, woher der andere komme, welchen Hintergrund er habe usw. Wenn man das wisse, müsse man ja den Tamilen als Feind wahrnehmen. Das sei aber in dem urbanen Zusammenhang nicht gewünscht und destruktiv, da es das soziale und wirtschaftliche Zusammenleben und damit das Funktionieren von Stadt zerstöre: wenn ich weiß, daß mein Schneider, Arzt, Händler Tamile ist, müßte ich ihn ja angreifen, und das will ich nicht. Also behält man die Fiktion der Anonymität und Ununterscheidbarkeit aufrecht (obwohl an Namen usw. der 'Andere' erkannt werden kann). Ein sehr interessanter Ansatz, der in gewisser Weise Appadorai widerspricht, ihm aber auch wieder komplementär ist.
  7. Wichtig finde ich in den Ausführungen von Paul Mecheril die Feststellung, daß die Zuschreibungen als 'Anders/Andere' aus der Mehrheitsgesellschaft kommen und oft spiegelbildlich (im Sinne von Said) internalisiert werden. Ich stimme hier Gayatri Spivak zu, daß wir die Subalterne nicht sprechen (lassen) können. Sollten wir (ich meine jetzt 'westliche' Forscher) dann ganz schweigen, wie meine Tochter fordert? Aber ab wann kann die Stimme der Subalternen gehört werden? Hier ist Ihr Buch eminent wichtig, denn das ist ganz klar: als Mutter bleiben mir Erfahrungen mit Rassismus, denen meine Kinder ausgesetzt sind und waren (mein Mann erstaunlicherweise weniger bzw. er kann damit umgehen und sich inzwischen wehren) meist versagt und/oder erspart. Ausnahmen s.o.: Beweis des 'Deutschseins', was ich vermittelten Rassismus nenne und eine Erfahrung bei der Einreise nach England, wo ein Zollbeamter von meinen 'adoptierten Kindern' sprach. Vermutlich konnte er sich nicht vorstellen, daß eine blonde, blauäugige Frau 'solche' Kinder hatte... Aber die Erfahrungen meiner Kinder (und einiger meiner Studentinnen in ähnlichen Situationen) kenne ich nicht aus eigener Erfahrung und kann deshalb auch nicht darüber sprechen. Aber muß ich deshalb zu allem schweigen? Ich habe ja selbst Erfahrungen mit Zuschreibungen und Rassismus gemacht, auch wenn sie anders waren.
  8. Zum Schluß noch etwas Persönliches: im Buch wird mehrmals gesagt, wie störend es die 'InderKinder' finden, immer gefragt zu werden, wo sie herkommen (habe darüber mit meiner Tochter auch schon heftig diskutiert). Ich würde aber manchmal gern fragen und tue es auch manchmal. Nicht, weil ich denke, diese Leute 'gehören woanders hin', sondern weil mich einfach der Hintergrund interessiert. Deutschland ist ja ein 'rojak' Land (rojak ist Malaiisch) und bezeichnet ein aus allen möglichen Gemüsen und Früchten gemischtes Gericht, oft bezeichnen die Malaysier so ihr Land: wir sind alle durcheinander), aber gerade deshalb interessiert es mich, wie es zusammengesetzt ist. Ich habe Teresa Koloma-Beck die Frage mal sehr vorsichtig gestellt. Sie hatte damit keine Probleme, sie meinte, natürlich komme ihr Vater aus Afrika, da dürfe man auch gerne nach fragen, aber deshalb sei sie ja doch Deutsche (ich hatte auch nicht gefragt, wo kommst Du her, sondern nach dem Hintergrund ihrer Eltern).

Das ist jetzt sehr lang geworden, aber ich finde das Thema wichtig, und es berührt auch meine eigene Forschung und persönliche Situation. Übrigens: die Tamil Tigers waren einiges, aber sicher keine Fundamentalisten!

Wäre schön, wenn ich irgendwann eine Reaktion von Ihnen bekäme.

Beste Grüße

dhr

veröffentlicht auf: www.urmila.de/inderkinder, 2013