Rassismus

Rassismuserfahrungen

Auszug aus Mareile Paske, ’Andere Deutsche’ – Strategien des Umgangs mit Rassismuserfahrungen (als pdf), Frankfurt/Oder: Viadrina, November 2006, 10-12.

"Ausgrenzungen führen ebenso wie tätliche Übergriffe zu Rassismuserfahrungen, denn diese haben viele Formen. Bevor jedoch die Folgen von erlebtem Rassismus genauer betrachtet werden, ist es notwendig, den Begriff und die Theoretisierung von Rassismus näher zu erläutern.

Rassismus bezeichnet die Ideologie, Menschen in angeblich biologisch-definierte „Rassen“ einzuteilen und diese in einer Hierarchie anzuordnen. Diejenigen, die die (hegemoniale) Macht innehaben, können  diese Hierarchie bestimmen (Hall 2000, 13). Somit  beruht Rassismus nicht auf biologischen Unterschieden, sondern ist nach Stuart Hall (2000, 7) eine soziale Praxis, in der körperliche Merkmale („Hautfarbe“, „Augenform“, etc.) zur Klassifizierung von Menschen verwendet werden. Diese körperlichen Merkmale fungieren hierbei als Bedeutungsträger, als Zeichen der Differenz innerhalb eines Diskurses. Als rassistische Praxen bezeichnet Hall (2000,7) die Verwendung dieses Klassifikationssystem, um Menschen von sozialen, politischen und ökonomischen Ressourcen symbolisch oder praktisch auszuschließen. Er beschreibt Rassismus als „(...) historisch spezifisch (...)“, der sich je nach Epoche oder Gesellschaftsform unterscheide (Hall 2000, 11). Heutzutage werde im Gegensatz zum früheren Konzept des genetischen eher der kulturelle Rassismus praktiziert. Der Unterschied wird an folgendem Beispiel deutlich: Die Ideologie des genetischen Rassismus würde beispielsweise der willkürlichen Behauptung folgen, dass bestimmte Menschen kleinere Gehirne hätten und deshalb hierarchisch unterzuordnen seien. Dies wäre eben „genetisch“ oder „biologisch“ bedingt. Beim kulturellen Rassismus hingegen würde die Unterdrückung durch die Behauptung gerechtfertigt werden, dass die Fähigkeit logisch zu denken bei bestimmten Menschen nicht ausgeprägt sei. „Logisch denken“ ist hierbei die vermeintlich „kulturelle“ Unterscheidung – folgt man der Ideologie, sei diese Fähigkeit in einigen „Kulturen“ ausgeprägt, in anderen nicht (vgl. Hall 2000, 12). Dadurch entsteht eine hierarchische Ordnung, bei der Gruppen willkürlich und als jeweils einander („rassisch“) gegensätzlich konstruiert werden. Diesem Prozess schreibt Hall (2000, 14) die Funktion zu „(...) Identität zu produzieren und Identifikationen abzusichern“. Dabei ist jede zugeschriebene Eigenschaft der einen Gruppe das Spiegelbild der anderen. Wird also der einen Gruppe die Fähigkeit logisch zu denken zugeschrieben, so kann die andere Gruppe diese Eigenschaft nicht haben. Diese Gruppe wird so ausgeschlossen und verkörpert das negative Gegenteil der anderen Gruppe: „(...) [d]as heißt also, weil wir rational sind, müssen sie irrational sein, weil wir kultiviert sind, müssen sie primitiv sein (...), wir denken, sie tanzen etc.“ (Hall 2000, 14). Dadurch, dass jemandem andere Eigenschaften als ‚mir’ zugeschrieben werden, wird ein/e Andere/r konstruiert. 

Auch Mecheril definiert Rassismus als ein Konstrukt, um Menschen als äußerlich und sozial verschieden zu konstruieren. Folglich baut Rassismus auf der Betonung von willkürlichen Unterschieden auf und übt dann Gewalt gegen das als unterscheidbar Konstruierte aus. Zielscheibe des Rassismus sind  „(...) Körper und Identität (...)“ eines Individuums, das dabei jedoch stets als Teil eines Kollektivs konstruiert wird (Mecheril 2003, 68). Damit „(...) erkennt und behandelt [Rassismus, Anmerkung MP]  den und die Einzelne als Teil eines wesenhaft minderwertigen Kollektivs“  (Mecheril 2003, 68).  Ebenso wie Hall weist Mecheril auf den  kulturellen Rassismus hin, der „(...) [r]eligiöse, linguale, habituelle Merkmale nun nicht mehr in den Zusammenhang genotypischer Differenzen, sondern in den der „kulturellen Identität (...)“ stellt (Mecheril 2003, 69). Dabei werden Denkweisen, Einstellungen etc. der konstruierten „Anderen“ als negativ, die „eigenen“ hingegen als positiv gewertet. So wird ein „Nicht-Wir“ konstruiert. Weiterhin zeigt Mecheril, dass sich Rassismus durch Machtverhältnisse entfaltet. Eine Gruppe muss die Macht innehaben und, damit verknüpft, über bestimmte Mittel verfügen, um Menschen in die willkürlichen, hierarchisch angeordneten Kategorien einzuteilen und die damit verbundenen Diskriminierungen durchzusetzen. Rassismus ist folglich kein individuelles Phänomen, sondern eine „(...) gesellschaftliche und gesellschaftlich produzierte Erscheinung (...)“ (Mecheril 2003, 69).

Die Ideologie des Rassismus wird durch Rassismuserfahrungen bedeutend für die rassistisch Markierten. Rassismuserfahrungen sind dabei nach Mecheril (2003, ebd.) „(...) eine psychologische Kategorie, [...] sozial kontextualisierte, subjektive Zustände (...)“. Rassismuserfahrungen zu machen heißt also, Rassismus durch das Verhalten der Gesellschaft an sich selber (und anderen) zu erleben. Mecheril unterscheidet zwischen grobem, subtilen und antizipierten Rassismus. Als Erfahrungen des groben Rassismus sind körperliche Gewalt oder Beschimpfungen zu klassifizieren. Subtiler Rassismus gründet sich auf die Erfahrung von Geringschätzung der eigenen Person, was sich zum Beispiel durch abfällige Blicke im Alltag manifestieren kann. In einer Anmerkung macht Mecheril darauf aufmerksam, dass „(...) auch Deutsche „weißer Hautfarbe“ – wenn sie sich ihnen nahestehende Menschen „nicht-deutschen Aussehens“ ernsthaft sorgen und deren Erfahrungen teilen – Erfahrungen von Rassismus ausgesetzt sein können“ (Mecheril 1995, 101). Ein Beispiel könnte die weiße Mutter eines Schwarzen Kindes sein, die auch Beschimpfungen, Beleidigungen etc. ausgesetzt sein kann. Damit wird der gesellschaftlich übergreifende Charakter dieses Phänomens noch einmal deutlich. Beim antizipierten Rassismus führen die Furcht vor rassistischer Bedrohung und die Angst vor Gewalt zur Rassismuserfahrung (vgl. Mecheril 1994, 60 und Mecheril 1997a, 180). Mecheril (2003, 67-71) differenziert die Dimensionen von Rassismuserfahrungen noch genauer.

  1. Ausprägungsart
  2. Vermittlungskontext
  3. Vermittlungsweise
  4. Erfahrungsmodus

Hierbei wird deutlich, dass Rassismuserfahrungen weit mehr als körperliche Übergriffe sind. Nicht nur in seinen Ausprägungen, sondern auch in seiner Vermittlung und seinem Erfahrungsmodus nehmen Rassismuserfahrungen unterschiedliche Dimensionen an. Rassismuserfahrungen der subtilen, indirekten Art gehören dabei zum Alltag vieler „Anderer Deutscher“. Terkessidis (2004) nennt dies die „(...) permanente[n], kleine[n] Erlebnisse (...)“, die „Anderen Deutschen“ einen Fremdheitsstatus zuweisen. Im Folgenden geht es um subtile Rassismuserfahrungen, die Lara in Deutschland macht und wie sie diese individuell verarbeitet."

© Mareile Paske, urmila.de / rassismuserfahrungen 2006