Veröffentlichungen von Urmila Goel zum Forschungsprojekt Die virtuelle zweite Generation

Ein überraschendes Wahlergebnis
InderInnen der zweiten Generation diskutieren den Regierungswechsel online

erschienen in: Südasien, 1/04, 74-77. (Text als pdf)

Kaum sind die indischen Wahlergebnisse bekannt, schon diskutieren InderInnen der zweiten Generation sie online.

Der Ort der Diskussion ist dass Forum der Internetplattform www.theinder.net. Dieses Indienportal wurde im Sommer 2000 von drei jungen Studenten mit indischen Wurzeln als Reaktion auf die Kampagne "Kinder statt Inder" gegründet. Aus der Sammlung von Cartoons rund um die "Computer-Inder" wurde bald die selbsternannte Indian Online Community. Mittlerweile arbeiten zwölf RedakteurInnen fest, aber ehrenamtlich mit. theinder.net bietet redaktionelle Beiträge und interaktive Foren. Es ist ein unabhängiges Projekt, dass von InderInnen der zweiten Generation für InderInnen der zweiten Generation und andere Indieninteressierte im deutschsprachigen Raum gemacht wird. Natürlich gab es im redaktionellen Bereich auch Vorberichterstattung zur Wahl, die wie alle anderen Medien von einem Sieg der BJP ausging.

theinder.net bietet verschiedene Foren zur Diskussion von Themen rund um Indien und Indien in Deutschland an. Über 900 NutzerInnen sind registriert, wovon aber weniger als 50 regelmäßig Beiträge schreiben und etwa 15 die meisten Diskussionen prägen. Die gemeinsame Sprache ist Deutsch, fast alle NutzerInnen kommen aus dem deutschsprachigen Raum. Ab und zu gibt es auch Einträge in einer indischen Sprache, was aber fast immer zu einer Beschwerde derjenigen führt, die diese nicht können. Denn alle haben irgendeinen Bezug zu Indien - meistens kommen die Eltern von dort - aber der Bezug ist sehr unterschiedlich. Manche kennen Indien kaum, andere reisen regelmäßig hin. Manche können Hindi, Malayalam oder eine andere Sprache, andere nicht. Sie alle aber verbindet, dass sie im deutschsprachigen Raum, vor allem in Deutschland, leben oder von dort stammen, und sie sich für etwas Indisches interessieren. Die Foren werden von ihnen vor allem für Geselliges genutzt. Es werden Spiele gespielt oder der letzte Bollywood-Film diskutiert. Immer wieder gibt es aber auch Debatten zu Politik und Gesellschaft in Indien und Deutschland.

Die Redaktion von theinder.net stellt die Wahlergebnisse einen Tag nach deren Bekanntgabe online. Damit sind sie die erste deutschsprachige Internetseite zu Indien, die diese Informationen anbietet. Ihre NutzerInnen aber waren schneller. Sie informieren sich auch über andere deutsch- und vor allem englischsprachigen Medien. Sie surfen auf die Seiten von CCN, ABC News, Times of India oder auch die deutschen Tageszeitungen. So bekommen viele schnell die überraschenden Wahlergebnisse mit und reagieren sobald die Diskussion im "Nachrichten und Medien"-Forum von theinder.net angefangen hat. Durch die ganze Debatte hindurch postet der eine oder die andere Links zu Berichten rund um die Wahlergebnisse und ihre Folgen. Sie vermitteln so über die redaktionellen Beiträge hinaus Informationen. Prägend für die Diskussion im Forum ist dies aber weniger als der Austausch von Meinungen. Zehn Tage lang kommentieren die NutzerInnen die Vorgänge und streiten auch miteinander. Mit 39 Beiträge von 15 NutzerInnen, die über 400 mal angeklickt wurden, gehört diese Debatte zu den längeren im Nachrichten-Forum. Beteiligt sind allerdings vor allem die üblichen SchreiberInnen, nur vier DiskusssionsteilnehmerInnen gehören nicht zu den regelmäßigen Postern.

Überrascht sind sie alle vom Wahlergebnis. Schnell wird es aber deutlich, dass hier zwei grundsätzlich unterschiedliche Einstellungen aufeinander treffen. Auf der einen Seite gibt es die überzeugten AnhängerInnen von Vajpayee und auch der BJP, auf der anderen Kritiker der BJP-Regierung, die aber nicht unbedingt Congress-Anhänger sind. Die einen betonen die Erfolge von Vajpayee, die anderen bezweifeln sie. Alle sind skeptisch, ob der Congress eine bessere Arbeit machen wird. Aber während die einen das grundsätzlich ausschließen, wollen die anderen ihm eine Chance geben. Im Mittelpunkt der Debatte steht die wirtschaftliche Entwicklung sowie soziale Probleme in Indien, das Verhältnis zu Pakistan wird thematisiert, zu den Ausschreitungen gegen Muslime und Christen bleibt es weitgehend ruhig.

Hitzig gestaltet sich die Debatte um Sonia Gandhi. Die AnhängerInnen Vajpayees sind strikt gegen eine Premierministerin Sonia Gandhi. Eine ganze Reihe von Vorwürfen werden geäußert. So sprechen sie sich gegen das dynastische Moment ihrer Rolle aus, werfen ihr politische Unerfahrenheit und mangelnde Bildung vor. Zentral aber scheint zu sein, dass sie keine gebürtige Inderin ist. Sie könne daher nicht als Identifikationsfigur dienen. Gegen die massiv geäußerte Ablehnung Sonia Gandhis wenden sich die anderen DiskussionsteilnehmerInnen. Auch sie sehen das dynastische Moment und vermissen politische Erfahrung, aber sie wollen ihr eine Chance geben. Je länger die Debatte dauert, desto mehr solidarisieren sich einige mit Sonia Gandhi.

Die Ablehnung einer nicht-gebürtigen Inderin als Premierministerin führt zu einer Diskussion über Toleranz unter den InderInnen der zweiten Generation im Ausland. Mehrere sind über diese massive Ablehnung verwundert. Sie hätten von den NutzerInnen von theinder.net etwas anderes erwartet. Schließlich unterscheiden diese sich selber von der Mehrheitsgesellschaft an ihrem Wohnort, plädieren immer wieder für Gleichberechtigung in Deutschland und sind stolz auf indischstämmige Bundestagsabgeordnete. Sie fordern, dass die Rechte, die man selber in Deutschland haben möchte, auch Sonia Gandhi in Indien zugesprochen werden. Sie betonen, dass politische Absichten und Einstellungen entscheidend sein und nicht die Herkunft. Die KritikerInnen Sonia Gandhis lassen sich davon aber nicht überzeugen. Für sie ist das etwas anderes. Sie scheinen fest verankert in hindu-nationalistischer Rhetorik, wenn sie zum Beispiel feststellen, dass Indien schon immer von Ausländern regiert wurde. Es geht sogar so weit, dass sie feststellen, dass Manmohan Singh aus Pakistan stammt.

Je weiter die Debatte geht, desto weniger wird fachlich-sachlich diskutiert. Immer mehr geht es um Emotionen und Verteidigung. Manche nutzen dabei Ironie, wenn sich zum Beispiel ein neuer Anhänger Sonia Gandhis darüber beschwert, dass "wir" nun von einem Sikh regiert werden. Andere greifen ihre KritikerInnen an, werfen ihnen fehlende Toleranz vor. Bis zum Ende behalten alle TeilnehmerInnen an der Diskussion ihre anfänglichen Meinungen bei, es gibt keine Annäherung unter ihnen, allerdings kommt es zu Zusammenschlüssen in den beiden Lagern. Welche Schlüsse die vielen passiven LeserInnen ziehen, lässt sich online nicht sehen.

>> mehr: Eine Chronologie der Diskussion auf www.theinder.net

Urmila Goel, www.urmila.de 2004